Ein Blick in die aktuelle hessische Bestenliste macht die Dimension dieses Erfolgs erst richtig deutlich: Die Meisterteams der U16-Jungs rangieren dort auf einem phänomenalen Rang 3, während die U14-Mädchen den 6. Platz in ganz Hessen belegen. Das allein ist für einen vergleichsweise kleinen Verein eine großartige Bilanz. Schaut man genauer hin, fällt auf: Alle Teams, die in der Rangliste vor uns liegen, sind aus Startgemeinschaften mehrerer Vereine gebildet. Dort werden die jeweils besten Sprinter einer ganzen Region zu Auswahlteams zusammengezogen. Klar, das birgt Vorteile – doch wir beim TSV Remsfeld machen das aus gutem Grund anders. Warum das so ist, zeigt ein Blick hinter die Kulissen des Wettkampfwochenendes.
Es war ein Wochenende, das den TSV Remsfeld in einem ganz besonderen Licht erstrahlen ließ. Doch hinter den glänzenden Ergebnissen verbirgt sich eine psychologische Tiefe, die am Freitagabend vor dem Wettkampf ihren Anfang nahm. Das Telefon von Coach Harald Lange klingelt. Am anderen Ende eine junge Athletin, die Stimme verräterisch leise. Das Thema, das die gesamte Trainingsgruppe seit einer Woche begleitet, ist bei ihr zur Last geworden: Der Staffelstab. Dieses glatte Rohr aus Aluminium, das in einer engen Wechselzone bei allerhöchster Laufgeschwindigkeit übergeben werden muss. Ein Zentimeter zu früh, ein Zögern zu lang – und das Risiko der Disqualifikation macht die Arbeit von vier Sportlern in Sekunden zunichte.
Die Verunsicherung war so greifbar, dass Harald Lange die entscheidende Frage stellte: „Sollen wir die Staffel lieber streichen? Dann kannst du heute besser schlafen und dich morgen ganz auf deine Spezialdisziplin konzentrieren.“ Die Antwort kam ohne Zögern, fast trotzig: „NEIN!“

Zwischen Angst und Zwiespalt
Genau in diesem Moment, in diesem Zwiespalt zwischen der Furcht vor dem Fehler und dem unbedingten Willen, für die anderen da zu sein, markiert sich der wahre Wert des Sports. Auch am Wettkampftag selbst war dieses Knistern bei mehreren Athletinnen spürbar. Es ist ein Druck, den man im Einzelwettkampf so nicht kennt. Man läuft nicht mehr nur für die eigene Urkunde; man trägt die Träume von drei anderen in der Hand. Doch als der Startschuss fiel, wandelte sich die Nervosität in pure Entschlossenheit um. Es war faszinierend zu beobachten, wie die Teams in diesem Kontext über sich hinauswuchsen.
Wenn Technik zu Magie wird
Die U16-Jungs agierten wie ein präzises Uhrwerk. Startläufer Matheo Brandt setzte bereits aus dem Startblock heraus ein Statement, das keine Zweifel am Sieg ließ. Er übergab auf Ammar Barakat, der als zweiter Läufer in bekannter, wirbelnder Technik den Vorsprung ausbaute und auf Richard Gerber zustürmte. Richard meisterte den Kurvenlauf elegant und übergab mit uneinholbarem Vorsprung auf den bärenstarken Schlußläufer Mohamad Abdulla, der den Sieg mit über acht Sekunden Vorsprung vor der TG Melsungen nach Hause brachte.
Ebenso souverän zeigten sich die U14-Mädchen. Hier war es Zina Taleb, die trotz der Last der Verantwortung eine unglaubliche Energie freisetzte und das Team auf die Siegerstraße führte. Carlotta Bickel, Mia Schade und Lena-Mariel Aßmann bauten diesen Vorsprung sicher aus und bewiesen: Im Team wächst man über physische Grenzen hinaus. Selbst die U16-Mädchen – Lilli Lange, Selina Bruckner, Leonie Ostermüller und Lena Köhler – warfen sich nach ihrem kräftezehrenden Diskusfinale ohne Zögern in den Dienst der Mannschaft und erkämpften gemeinsam Rang fünf.


Die Sucht nach dem „Wir“
Nach dem Zieleinlauf geschah das, was Harald Lange als die „Magie der Staffel“ bezeichnet: Die bleierne Anspannung der Vortage schlug schlagartig in eine grenzenlose Euphorie um. Das Risiko war überwunden, das Vertrauen belohnt worden. Kaum war der Atem wiedergefunden, stellten die Athletinnen und Athleten aus allen Teams fast wortgleich dieselbe Frage: „Harald, wann ist das nächste Staffelrennen?“


Reflektiert man diese Leistung noch einmal im Licht der hessischen Bestenliste, wird der Remsfelder Weg umso wertvoller. Während andere auf großflächig zusammengestellte Auswahlteams setzen, vertrauen wir auf das, was über Jahre in unserer eigenen Halle und auf unserem Platz gewachsen ist. Wir setzen auf eine echte, organische Gemeinschaft. Unsere Athleten trainieren Woche für Woche zusammen, sie kennen die Stärken und die Zweifel des anderen. Dass wir uns als eigenständiger Verein gegen die großen Startgemeinschaften auf den vordersten Rängen Hessens behaupten, beweist: Echter Teamgeist und jahrelanges gemeinsames Training wiegen schwerer als die bloße Addition von Einzelzeiten.
Trotz 17 Kreismeistertiteln und 11 Vize-Titeln bleibt diese Erkenntnis das wichtigste Ergebnis: Individuelle Exzellenz ist die Basis, aber erst die mannschaftliche Geschlossenheit verleiht dem Sport seine wahre Tiefe. Es geht um Speed und Power, ja – aber zuallererst geht es um Teamgeist, Respekt und die Haltung, auch unter Druck für den anderen einzustehen. Auf diesem Fundament kommt der Erfolg beim TSV Remsfeld fast von ganz allein.